Und so ungefähr hörte sich das dann über weite Strecken an:
Der Abend begann aus einer geradezu feierlichen Stille heraus mit minimalistischen Elektronika, zu denen Sakamoto kleine Klaviereinsprengsel und »präpariertes Piano« zu Gehör brachte - Stücke aus seinem aktuellen Album "Out of Noise". Man fühlte sich auch an seine Zusammenarbeit mit Alva Noto (z.B. Vrioon, 2002) erinnert. Geschmackvolle minimalistische Visuals luden zu eigenen Assoziationen ein.
Der Sound war überraschend gut (ich denke noch mit Grausen an das letztjährige Paul-Weller-Event in der Stadthalle zurück), jedes Knispeln in den synthetischen Flächen, jedes Schaben an den Klaviersaiten war in aller wünschenswerten Klarheit zu hören. Später sah ich den Grund: die ganze Halle war mit nichts als 8 Geithain-Regielautsprechern beschallt - vom Feinsten das Feinste.

Nach etwa einer dreiviertel Stunde wandte sich Sakamoto dann ans Publikum mit der Bemerkung, ab jetzt gebe es keine fertige Setlist mehr, sondern er würde spielen, wozu ihn die Stimmung, das Publikum, die Halle gerade inspirierten.
Unterstützt von Sample-Einspielungen (meistens vorher aufgenommene Piano-Loops) und einem Live-Looper konnte der vielfach dekorierte Fimmusik-Komponist dann aus dem Vollen schöpfen ließ es überwiegend romantisch tönen, ganz im Sinne seiner Veröffentlichung »Playing the Piano«, auf der die Highlights seines Schaffens in Solopiano-Einspielungen versammelt sind (aufgenommen 2004/2005). Das war sympathisch, schön, versöhnlich, aber für meinen Geschmack z.T. etwas zu nahe am Kitsch. Man spürte aber die große Liebe zur Musik und vor allem zur europäischen Tradition. Sakamoto ist ein großer Verehrer von Debussy. (Als ich in einem Kaufhaus in Hiroshima eine ganze Etage mit europäischen Modemarken betrat, meinte mein japanischer Begleiter, der meine Verwunderung wahrnahm: »Die Japaner haben Sehnsucht nach Europa«). Einzige Fremdkomposition war Ennio Morricones Titelmelodie zu Novecento.
Nachdem er sich warmgespielt hatte (sein Kommentar zu unseren Oktober-Temperaturen: »Global Colding?«), konnte Ryuichi Sakamoto kaum noch aufhören. Die erste Zugabe umfaßte vier Stücke, zwei weitere Zugaben folgten, und am Ende hatte das teilweise begeisterte, teilweise letztlich indifferente Publikum ein langes Konzert von satten zwei Stunden erlebt.
Resumee: Die Stadthalle in Heidelberg klingt nicht per se schlecht, und Ryuichi Sakamoto blüht eher in Kooperationen denn als Solo-Pianist.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen