Ironischerweise sind es aber in den wirklich großen Werken oft gebrochene oder gefledderte Versionen dieser Themen, in denen die »Größe« aufscheint. Wie Salman Rushdie (»Mitternachtskinder«) in seiner eigenen Version des Magischen Realismus die Geschichte Indiens als mißlungene Kommunikation zwischen Hoch- oder Andersbegabten erzählt; wie Milan Kundera den Prager Frühling als Folie eines Psychogramms eines »Puer Aeternus« benutzt, der das Leben in der Möglichkeitsform dem gelebten Leben vorzieht; wie in so vielen Erzählungen und Theaterstücken die Abwesenheit der Geschichte, das Indirekte gefeiert wird - all das hat Größe.
Wenn die großen Themen zu direkt angesprochen werden (wer hätte nicht als Teenager gern mal einen Roman über den Selbstmord des besten Freundes geschrieben), gerät all das gern zum Kitsch.
Was all das mit Enjoy Jazz zu tun hat? Bei Ryuichi Sakamoto ist es mir zum ersten Mal aufgefallen: In seinen in Zen-Ästhetik gehaltenen Visualisierungen waren Botschaften zum Klimawandel untergebracht. Nichts Besonderes, eben die allgemeine Gesinnungs- und Besinnungsrhetorik, die man ebensogut dem Dalai Lama wie Angela Merkel zuschreiben könnte. Dann stand plötzlich während seines Konzerts Dino Saluzzi auf und erzählte Weihnachtliches über die Menschen da draußen, die unser Mitgefühl brauchen. Richard Bona machte eine Pause, gab den Kapitalismuskritiker und empfahl dem Publikum, sich nicht gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen.
Nein, ich bin kein Anhänger von L'art pour l'art, im Gegenteil. Musik soll man ruhig »benutzen«, zum Tanzen, Schwelgen, Kücheputzen. Als Botschaft, wenn man die »richtige« CD verschenkt. Ich bin sogar Richard Bonas Meinung, was die Schweinegrippe angeht. Aber was ist mit unseren Musikern los, daß sie selbst ihrer Musik als Botschaft nicht genug vertrauen (oder dem Publikum als selberdenkendem), um es mit Rhythmus, Spannung, gefühlvoller Melodieführung gut sein zu lassen?
Einzig bei Terence Blanchard, der Gedankenschnipsel aus einem Gespräch mit Cornel West aus dem Sampler abspielen ließ, konnte ich mich damit anfreunden. Vielleicht weil hier die Reflektion halbwegs auf dem Niveau der Musik war und als solche neben ihr bestehen konnte, statt durchsichtigerweise für deren »Tiefe« zuständig zu sein. Wenn West das Ringen der Jazz-Größen um ihre eigene »Stimme« beschreibt und apodiktisch feststellt: »All imitation is suicide«, dann ist das genauso wahr oder falsch wie ein Trompetenstoß, der alles vorher Gespielte in den Schatten stellt und dennoch ohne es nicht hätte gespielt werden können.
Oder man macht es gleich wie Wayne Shorter, der zwar Mahayana-Buddhist ist - also von der weltzugewandten Sorte -, aber in seiner Musik sogar auf die innermusikalischen »Messages« verzichtet, keine Themen oder Chorusse, nicht mal halbwegs durchgängige Linien spielt, sondern den ganzen Abend die spannende, weil vom Scheitern bedrohte Suche nach dem ultimativen Ton zelebriert.
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