Mittwoch, 11. November 2009

Wayne Shorter

Zu Beginn schien die Musik nicht richtig in Fluß zu kommen. Alles hatte etwas Tastendes, man konnte den Eindruck gewinnen, die vier wüßten nicht, was sie sagen wollten. Wayne Shorter nahm zwischendurch das Sopransaxophon, spielte zwei Töne, stellte das Instrument wieder weg. Ab und zu blies er Teile eines Themas, als wäre es ein Cue, aber es gab keinen Übergang zu einem neuen Stück. Und dann wieder schwangen sie sich zu dichten Momenten auf, wahren Ausbrüchen von Energie und Musikalität.

Arbeitshypothese: Die Musiker des Wayne Shorter Quartet sind gnadenlos ehrlich und musizieren in der Tradition des elektrischen Miles Davis: geprobt wird auf der Bühne. Arrangements werden nicht gespielt, sondern im Konzert entwickelt. Und nur durch diese Ehrlichkeit kann es die extreme Schönheit und Dichte dieser speziellen Momente geben.

Georg Spindler hat dem Auftritt in im Mannheimer Morgen eine nachdenkliche Kritik gewidmet: »Willkommen in Waynes wundersamer Welt«. Zitat: »Statt seine charakteristischen, abenteuerlich verwinkelten Improvisationen zu entfesseln, funkt Shorter zu oft lediglich morsezeichenartige Tonfolgen oder Paraphrasen von der Bühne.« Ich stimme zu.

Hans-Jürgen Linke sieht es positiver: »Eine beneidenswerte Lässigkeit ist im Raum, dazu eine auf der Bühne intensiv ausgelebte und mit dem Publikum zunehmend geteilte Spielfreude. Man hat weniger den Eindruck, einem avancierten Musikstil zu begegnen als vielmehr einer bemerkenswerten und ein bisschen utopischen Lebensweise. Dazu passt auch die Abwesenheit von allem Stehengebliebenen, allem Altbackenen. Es ist eine ungemein moderne, hoch individualisierte, eigenartig formlose, dabei ganz und gar präzise Musik, die voller Erinnerungen an alles Mögliche steckt, ohne sentimental zu schwelgen. Es könnte sein, dass die Gäste der Heidelberger Stadthalle einem Konzert beigewohnt haben, das eine ähnlich herausragende Bedeutung hat wie das von Ornette Coleman vor vier Jahren in Ludwigshafen, wo das Album "Sound Grammar" live entstand, für das es später einen Grammy gab.«

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