Mittwoch, 18. November 2009

Enjoy Jazz 2009 - mein Resumé

Ein persönliches und parteiisches Resumé, geschmäcklerisch und völlig unmaßgeblich

· Bestes Konzert: Overtone Quartet, Anouar Brahem, MGT, Terence Blanchard, Ensemble Denada
· Vermißtester Künstler: Sylvain Luc
· Enttäuschend: Tord Gustavsen Ensemble, Jan Garbarek
· Tiefste Suche: Wayne Shorter
· Schönste Erinnerungen: Egberto Gismonti, Ralph Towner
· Neue Klänge: Bang/Honoré (zweiter Remix beim PUNKT), Erik Truffaz
· Beste CDs: Choices (Terence Blanchard Quartet), Lost On The Way (Louis Sclavis)
· Verpasstestes Konzert: Brad Mehldau
· Nervig: Trilok Gurtu
· Bester Sound: Ryuichi Sakamoto
· Schlagzeug: Eric Harland, Kendrick Scott
· Pianist: Joe Gilman (Bobby Hutcherson Quartet)
· Trompete: Terence Blanchard
· Sax: Chris Potter
· Bass: Dave Holland
· Gesang: Cyminology
· Gitarre: Wolfgang Muthspiel

The Medium Jazz Is The Message

In den einschlägigen Ratgebern für angehende Drehbuchautoren oder Kursen für kreatives Schreiben ist gern von »Tiefe« die Rede, jener Qualität, die sich, so wird gehofft, einstellen möge, wenn man die »letzten Fragen« - Leben und Tod, große ethische Dilemmata, Geschichte, Revolution - in sein Erzähltes einfließen läßt.

Ironischerweise sind es aber in den wirklich großen Werken oft gebrochene oder gefledderte Versionen dieser Themen, in denen die »Größe« aufscheint. Wie Salman Rushdie (»Mitternachtskinder«) in seiner eigenen Version des Magischen Realismus die Geschichte Indiens als mißlungene Kommunikation zwischen Hoch- oder Andersbegabten erzählt; wie Milan Kundera den Prager Frühling als Folie eines Psychogramms eines »Puer Aeternus« benutzt, der das Leben in der Möglichkeitsform dem gelebten Leben vorzieht; wie in so vielen Erzählungen und Theaterstücken die Abwesenheit der Geschichte, das Indirekte gefeiert wird - all das hat Größe.

Wenn die großen Themen zu direkt angesprochen werden (wer hätte nicht als Teenager gern mal einen Roman über den Selbstmord des besten Freundes geschrieben), gerät all das gern zum Kitsch.

Was all das mit Enjoy Jazz zu tun hat? Bei Ryuichi Sakamoto ist es mir zum ersten Mal aufgefallen: In seinen in Zen-Ästhetik gehaltenen Visualisierungen waren Botschaften zum Klimawandel untergebracht. Nichts Besonderes, eben die allgemeine Gesinnungs- und Besinnungsrhetorik, die man ebensogut dem Dalai Lama wie Angela Merkel zuschreiben könnte.

Dann stand plötzlich während seines Konzerts Dino Saluzzi auf und erzählte Weihnachtliches über die Menschen da draußen, die unser Mitgefühl brauchen. Richard Bona machte eine Pause, gab den Kapitalismuskritiker und empfahl dem Publikum, sich nicht gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen.

Nein, ich bin kein Anhänger von L'art pour l'art, im Gegenteil. Musik soll man ruhig »benutzen«, zum Tanzen, Schwelgen, Kücheputzen. Als Botschaft, wenn man die »richtige« CD verschenkt. Ich bin sogar Richard Bonas Meinung, was die Schweinegrippe angeht. Aber was ist mit unseren Musikern los, daß sie selbst ihrer Musik als Botschaft nicht genug vertrauen (oder dem Publikum als selberdenkendem), um es mit Rhythmus, Spannung, gefühlvoller Melodieführung gut sein zu lassen?

Einzig bei Terence Blanchard, der Gedankenschnipsel aus einem Gespräch mit Cornel West aus dem Sampler abspielen ließ, konnte ich mich damit anfreunden. Vielleicht weil hier die Reflektion halbwegs auf dem Niveau der Musik war und als solche neben ihr bestehen konnte, statt durchsichtigerweise für deren »Tiefe« zuständig zu sein. Wenn West das Ringen der Jazz-Größen um ihre eigene »Stimme« beschreibt und apodiktisch feststellt: »All imitation is suicide«, dann ist das genauso wahr oder falsch wie ein Trompetenstoß, der alles vorher Gespielte in den Schatten stellt und dennoch ohne es nicht hätte gespielt werden können.

Oder man macht es gleich wie Wayne Shorter, der zwar Mahayana-Buddhist ist - also von der weltzugewandten Sorte -, aber in seiner Musik sogar auf die innermusikalischen »Messages« verzichtet, keine Themen oder Chorusse, nicht mal halbwegs durchgängige Linien spielt, sondern den ganzen Abend die spannende, weil vom Scheitern bedrohte Suche nach dem ultimativen Ton zelebriert.

Dienstag, 17. November 2009

Südliche Saiten

Seht, so sehr sehnt sich seine Seele: nach Saiten, Süden, Sonne, Sylvain. Da wäre zunächst mal das Trio Sud. Dann die Kooperation mit Louis Winsberg. Bireli Lagrene. Auch mit Richard Bona hat Sylvain Luc schon gespielt. Hört ihn euch an, Mannheim wird ihn lieben!

Ist auch irgendwie lustiger als, nun ja, etwas ausgebuffte (im positiven wie negativen Wortsinn) Show von Bona mit seinem Sextett. Bildqualität wird entschuldigt, musikalisch ist das schwer zu toppen, was Sylvain Luc hier zaubert:



Mehr Süden? Winsberg hat ein schönes Flamenco/Maghreb-Projekt, Flamenco spielt auch Vicente Amigo ganz ausgezeichnet (hier viel zu wenig bekannt, dass es Flamenco-Kunst nach De Lucia gibt, und was für eine!), oder der Bassist Carles Benavent. Hmmm, da gibt es was zu entdecken. Schön ist z.B. seine CD »Sumando« zusammen mit Josemi Carmona. Hier ein Solo von einem Bassfestival in Madrid. Benavent spielt den Bass mit einem Plektrum, das er bravourös handhabt, ohne der »Technelei« anheimzufallen.



Südliche Saiten: Bebo Ferra aus Mailand, Renaud Garcia-Fons, Carlos Bica aus Portugal (ebenfalls ein Bassist und Komponist), Gitarrist André Fernandes aus Lissabon (regelmäßiger Partner von Lee Konitz, landete mit Cubo einen Kritikererfolg), und so weiter, es gibt noch mehr hörenswertes aus der Gegend.

Ach ja, so sehr nach südlichen Saiten sehnt er sich...

Nachlese zu Wayne Shorter

Wayne Shorter spielte auch in Hamburg, und auch dort hinterließ er bleibenden Eindruck und Interpretationsbedarf:
»Im Quartett mit Danilo Perez (Klavier), John Patitucci (Bass) und Brian Blade (Schlagzeug) entwickelt Shorter eine von allen Klischees gereinigte Konzertmusik. In der Laeiszhalle war am Montag diese von einer ungeheuren Dynamik angetriebene Kunst zu bewundern, die ungefähr so klang, als hätte Erik Satie den Free Jazz für sich entdeckt.« (»Denkt bloß nicht, dass wir Jazz spielen« im Hamburger Abendblatt)

In der WELT nähert sich eine Edelfeder mit ähnlicher Absicht dem gleichen Konzert:
»All das, was man unter dem Etikett Jazz zu hören gewohnt ist: die quecksilbrige Virtuosität angelernter Phrasen, virtuose Fingerübungen und Plänkeleien, mit schmeichelndem Vibrato gehauchte Balladen und muskelstrotzende Up-Tempo-Nummern - Nebbich, Tand. Shorter sucht. Shorter sucht den Ton, die Formulierung, die alles verändert und in sich beinhaltet, was er zu sagen hat. Nicht immer wird er sofort fündig, dann schweigt er eben und sucht weiter, während Perez mit explosivem Anschlag sein Klavier spielt und Bade im dichten Zusammenspiel mit Patitucci einen Groove auf die Reise schickt, der brennt, als ginge es darum, die Halle in Brand zu setzen.« (Stefan Hentz, »Wayne Shorter badet im Meer musikalischer Möglichkeiten«)

Samstag, 14. November 2009

Vorfreude auf Tony Allen

Der Afrobeat-»Miterfinder« und langjährige Fela-Kuti-Weggefährte, der Schlagzeuger Tony Allen, kommt nach Mannheim in die Feuerwache. Keine Zeit also für umständliche Post-Enjoy-Jazz-Depressionen. Zumal dieses (aktuelle) Video ein heißes Konzert verspricht:

Mittwoch, 11. November 2009

Wayne Shorter

Zu Beginn schien die Musik nicht richtig in Fluß zu kommen. Alles hatte etwas Tastendes, man konnte den Eindruck gewinnen, die vier wüßten nicht, was sie sagen wollten. Wayne Shorter nahm zwischendurch das Sopransaxophon, spielte zwei Töne, stellte das Instrument wieder weg. Ab und zu blies er Teile eines Themas, als wäre es ein Cue, aber es gab keinen Übergang zu einem neuen Stück. Und dann wieder schwangen sie sich zu dichten Momenten auf, wahren Ausbrüchen von Energie und Musikalität.

Arbeitshypothese: Die Musiker des Wayne Shorter Quartet sind gnadenlos ehrlich und musizieren in der Tradition des elektrischen Miles Davis: geprobt wird auf der Bühne. Arrangements werden nicht gespielt, sondern im Konzert entwickelt. Und nur durch diese Ehrlichkeit kann es die extreme Schönheit und Dichte dieser speziellen Momente geben.

Georg Spindler hat dem Auftritt in im Mannheimer Morgen eine nachdenkliche Kritik gewidmet: »Willkommen in Waynes wundersamer Welt«. Zitat: »Statt seine charakteristischen, abenteuerlich verwinkelten Improvisationen zu entfesseln, funkt Shorter zu oft lediglich morsezeichenartige Tonfolgen oder Paraphrasen von der Bühne.« Ich stimme zu.

Hans-Jürgen Linke sieht es positiver: »Eine beneidenswerte Lässigkeit ist im Raum, dazu eine auf der Bühne intensiv ausgelebte und mit dem Publikum zunehmend geteilte Spielfreude. Man hat weniger den Eindruck, einem avancierten Musikstil zu begegnen als vielmehr einer bemerkenswerten und ein bisschen utopischen Lebensweise. Dazu passt auch die Abwesenheit von allem Stehengebliebenen, allem Altbackenen. Es ist eine ungemein moderne, hoch individualisierte, eigenartig formlose, dabei ganz und gar präzise Musik, die voller Erinnerungen an alles Mögliche steckt, ohne sentimental zu schwelgen. Es könnte sein, dass die Gäste der Heidelberger Stadthalle einem Konzert beigewohnt haben, das eine ähnlich herausragende Bedeutung hat wie das von Ornette Coleman vor vier Jahren in Ludwigshafen, wo das Album "Sound Grammar" live entstand, für das es später einen Grammy gab.«

Montag, 9. November 2009

Terence Blanchard Quartet

Sehr schönes Konzert. Blanchard präsentierte seine »Jungen«, die Mitmusiker, von denen er sagt, sie seien diejenigen, die die Musik in die Zukunft tragen würden. Blanchard selbst ist das, was man unter Musikern manchmal ein »Tier« nennt - ein phantastischer Trompeter, der Dampf macht und einen beim Zuhören manchmal an diese Schwelle bringt, wo man sich fragt, ob auf der Bühne noch alles mit rechten Dingen zugeht.



Herausragend war wieder mal ein Schlagzeuger, hier Kendrick Scott, der sich in einem Stück mit dem jungen (kubanischen) Pianisten Fabian Almazan, Jahrgang 1984, in eine musikalische Ekstase hochschaukelte, wie man sie nur selten erlebt.

Über die aktuelle CD Choices gibt es hier ein bisschen Hintergrund zu Terence Blanchard, dem »politischen« Trompeter, sowie zu Cornel West, der gleichsam den intellektuellen Hintergrund ausleuchtet. Seine Statements waren im O-Ton auf dem Konzert zu hören und durchziehen auch die CD. Ich will hier nicht in die Details gehen, aber »Choices« ist sicher mindestens zum Teil auch politisch gemeint.

To express his ideas more eloquently, Blanchard enlisted Cornel West of Princeton to add pithy verbal snippets to the album. The title track affords West the opportunity to proffer some of his poetic musings on art and life.

West's impassioned words sometimes get lost in the mix, but his churchy cadences do fit the music hand in glove. Blanchard responds to the call with a round, burnished tone that recalls the intimacy and gravitas of Miles Davis while maintaining a voice all his own.

Zu guter Letzt: Choices ist eine großartige CD!! Auf ihr hört man auch Lionel Lueke, der letztes Jahr bei Herbie Hancock dabei war, aber leider nicht dieses Mal bei Terence Blanchard.

Sonntag, 8. November 2009

Muthspiel Grigoryan Towner

Die CD rotiert bei mir schon länger, daher war ich einfach dankbar, dieses Weltklasse-Gitarrentrio live erleben zu dürfen. Für meine Ohren war es einer der schönsten Abende des Festivals.

Einen Eindruck vermittelt dieses Video von ihrer australischen Tournee 2005:



Aktuelle CD: From a Dream

Tord Gustavsen Ensemble

Hm.. nö. Mochte ich nicht. Das Saxofon gibt dem ganzen eine salbungsvolle Note, die der Musik überhaupt nicht gut tut. Sehr garbaresk. Hab mich etwas gelangweilt und dachte an einen Auftritt vor drei Jahren im Heidelberger Karlstorbahnhof zurück, bei dem alles stimmte...

Freitag, 6. November 2009

Post-Enjoy-Jazz-Depression?

Es war während der Ansage zum Konzert von Bobby Hutcherson in der Feuerwache, als Festivalleiter Rainer Kern die Katze aus dem Sack ließ: »Wir haben jetzt noch eine gute Woche Enjoy Jazz, zehn Tage und zwölf Konzerte. Schauen Sie sich alles an, Sie werden nachher ohnehin in ein Loch fallen.«

Woher weiß der das? Ging mir letztes Jahr so. Wird mir auch dieses Jahr wieder so gehen.

Immerhin spielt Tony Allen zwei Wochen später in der Feuerwache. Das Loch könnte also überschaubare Dimensionen behalten...

Morgen ist John-Scofield-Tag!

Nein, Sco tritt nicht morgen bei Enjoy Jazz auf, aber: Am 7. November 2009 jährt sich zum 32. Mal die Aufnahme von John Scofields erster Platte für ein Major Label (enja): John Scofield Live. Die hab ich drei, vier Jahre später in die Hände bekommen und mich in »Gray and Visceral« verliebt. Elendes Quintengeschiebe! ;-)

Branford Marsalis

Schönes Konzert, aber ich werde den Eindruck nicht los, dass Branford Marsalis vielleicht der am meisten überbewertete Künstler des Festivals ist, jedenfalls was den Publikumszuspruch angeht. Die Feuerwache war gestopft voll bis auf den letzten Platz, und die ganze Neckarstadt schien von Festivalbesuchern vollgeparkt worden zu sein! Ist es der Name oder besser die »Institution« Marsalis, die diesen Effekt zeitigt?

Die Band spielte einen bunten Reigen von Gospel bis Free, immer kommunikativ (manchmal wurde auf der Bühne während des Stücks geplaudert), oft überraschend, ein Spiel mit erfüllten und enttäuschten Erwartungen - eben Zeit-Kunst, die sich im Ablauf ereignet. Auch zum Zuschauen amüsant: Gegen Ende einer Ballade fand Marsalis nach längerem Mäandern einen Schlußton, den Joey Calderazzo am Piano aber nicht aufnahm, der wollte offenbar woanders hin - und Branford machte einen Schritt zum Flügel und blies dem Pianisten den »richtigen« Ton zu Bestätigung nochmal ins Gesicht: »So mein ich das!« Herrlich!

Es war aber, und darum bleib ich bei meiner eingangs getroffenen Einschätzung, kein Moment dabei, wo einem wirklich das Herz hüpfte oder vor Staunen der Mund offen blieb - wie zwei Tage zuvor bei Joe Gilmans Klaviersolo über »A Love Supreme« oder Eric Harlands Schlagzeugsolo am Montag in LU. So jedenfalls erging es mir. Anderlautende Kommentare sind selbstverständlich willkommen (wenn überhaupt mal jemand hier einen Kommentar hinterlassen würde, wäre ich froh! Aber wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein).

Hier noch ein Interview in der ZEIT, das für einen Mann, der so viel in Bewegung setzt, relativ resigniert klingt.

Aktuelle CD: Metamorphosen

Donnerstag, 5. November 2009

Erik Truffaz, Talvin Singh, Murcof

Der Karlstorbahnhof war rappelvoll (unbestuhlt), als die drei ihr Konzert anfingen. Der sympathische Mexikaner, der am »Schreibtisch« hinter seinem Laptop saß, entpuppte sich als »Murcof«, Truffaz war nicht zu verkennen, und der Inder mit den abstehenden Haaren an den Tablas, das musste dann wohl Talvin Singh sein (von dem ich auch eine CD mein eigen nenne, »OK« von 1998).




Murcof lieferte angenehm abstrakte Grundlagen, Flächen oder deutliche Beats, aber weit abseits der üblichen Loop-Ästhetik. Streckenweise hatte man das Gefühl, dass er »Nebengeräusche« (Rauschen, Zirpen, Fiepen) rhythmisierte. Singh setzte seine Tabla-Grooves oder Einsprengsel daneben, und Truffaz legte seine Linien darüber, stark verfremdet, mitunter gedoppelt, sowohl Molvaer als auch Arve Henriksen konnten einem als Bezugspunkte einfallen.

Nachdem das Konzert eine Weile eher etwas zurückhaltend verlief, kamen die drei in der zweiten Hälfte richtig auf Touren. Truffaz bat Murcof, wie es schien, um eine »Pause« für eine Solo-Exkursion, die es dann auch in sich hatte, es entstand ein aufgeschichtetes »Electronica-Trompete«-Gebilde, das schließlich laut rumpelnd in sich zusammenfiel. Singh kommtierte ins Mikro: »He loves chaos.« Auch Truffaz machte eine sympathische Ansage und verwies auf seine musikalische Sozialisiation mit Tangerine Dream und Kraftwerk. Zum Publikum gewandt meinte er: »This music that we play here is part of your culture.« Solcherart Spätfolgen der 70er kann man sich eigentlich gar nicht genug wünschen!

Aktuelle CD: Rendez-Vous

Mittwoch, 4. November 2009

Bobby Hutcherson

Dieses Konzert hab ich einem Freund zum Geburtstag geschenkt. Ich war zu Beginn etwas nervös, weil die Musik recht traditionell und ohne rechte Biß daherkam.

Doch die Band steigerte sich ab dem dritten Stück merklich. Hutcherson an seinem Vibraphon, eine Mischung aus Elder Statesman und Entertainer, hat hörbar Freude am Spielen und am Spiel seiner Begleiter. Höhepunkt des Konzerts war eine Art Coltrane-Medley, bei dem insbesondere der Pianist Joe Gilman glänzte, ach was, erstrahlte! Gilman ist ganz sicher nicht einer der modernsten Pianisten, aber seit diesem Tag denke ich: einer der spannendsten.

Schade, dass Hutcherson erstens nur einen einzigen Akkord mit vier Schlegeln spielte und zweitens keine zweite Zugabe spielte, trotz lang anhaltenden Applauses.

Was mich bei älteren Musikern öfter interessiert: Warum spielen sie heute die Musik, die sie spielen? Nicht jeder treibt ja alles immer so bedingungslos voran wie Miles Davis das tat. Hutcherson zum Beispiel war Vibraphonist auf Eric Dolphys bahnbrechender Veröffentlichung »Out To Lunch« von 1964 (die eher mit Free Jazz oder zumindest abstrakten Strukturen liebäugelte), zehn Jahre später veröffentlichte er unter eigenem Jahren das Album »Cirrus«, eine zeitgemäß hippieske Fusion-Einspielung... und heute erzählt er uns die bzw. seine Jazz-Geschichte wie eine kanonisierte Variante zwischen MJQ und Coltrane. Fusion, Funk oder die harmonischen Freiheiten Dolphys fehlen.

Manchmal sagt ja auch ein Bild mehr als tausend Töne:



Und heute:



Aktuelle CD: For Sentimental Reasons

Dienstag, 3. November 2009

Overtone Quartett

Die Besetzung versprach einen spannenden Abend im »Haus« in Ludwigshafen:

Dave Holland : b
Eric Harland : dr
Chris Potter : sax
Jason Moran : p

Dave Holland ist einer meiner absoluten Favoriten. Zum ersten Mal hab ich ihn vor 15 Jahren als Teil des »World Trio« mit Mino Cinelu und Kevin Eubanks gesehen (auf dem Post-This-Neo-That-Festival 1994 in Köln) und bin seither angetan von seinem Groove, seinen kompositorischen Fähigkeiten, seinem ganzen Habitus. Und nicht zuletzt von seiner Fähigkeit, mit einer zwingenden musikalischen Logik absolute Spitzenbands zu besetzen.

Daher war es ein »Must«, das Overtone Quartett anzusehen. Von Jason Moran hab ich auch das eine oder andere gehört, er ist interessant, aber für meinen Geschmack kingt er immer etwas »düster«. Chris Potter, klar, bekannt aus Hollands Quintett, ein ebenso kraftvoller wie eloquenter Spieler. Eric Harland war der große Unbekannte für mich - und er war auch die »Entdeckung des Abends«.

Das Konzert begann auf einem hohen Energielevel, und dort blieb es dann auch. Die vier spielen einen sehr »heutigen« Jazz irgendwo zwischen verschraubt und bauchig, alles setzt schon auf einem hohen Abstraktionsniveau an, aber Timing, Energie und Spielfreude lassen nie den Eindruck aufkommen, man habe es mit »Kopfmusik« zu tun. Eric Harland hat ein interessantes Konzept - sein Spiel klingt seltsam unrund, immer wieder überrschend, kaum geschieht einmal zwei Takte dasselbe. Und doch landet er immer wieder auf dem Punkt, treibt das Quartett voran, zieht und schiebt und was dergleichen Metaphern mehr sind. Seine Soloeinlage war eine einzige Explosion, Vergleiche fallen mir dazu keine ein.

Keine ganz leichte Kost, dieses Obertöne-Quartett, aber wer sich reinhört und die Grundtöne (der Tradition) selber beisteuert, wird reich belohnt. Satt.

Wie ichs rausgefunden habe, weiss ich selber nicht mehr so genau, aber es verhält sich so: Zum Overtone Quartet gibt es eine frühere Ausgabe namens Monterey Quartet (mit Gonzalo Rubalcaba statt Jason Moran am Piano, übrige Besetzung wie heute), und die haben ihren Auftritt in Monterey aufgenommen und veröffentlicht. Wahnsinns-Platte, für meine Ohren mit einem Klassiker wie »Extensions« ebenbürtig: Live at the Monterey Jazz Festival 2007.

Montag, 2. November 2009

Richard Bona

Einerseits ein schönes Konzert, aber etwas - nun ja - glatt? Dank youtube wissen wir, dass die musikalischen und außermusikalischen Späßchen des Abends zum einstudierten Programm gehören. Bonas eigentliches Genie als Improviator blitzt nur gelegentlich auf.

Ein gewisser David Miller hat über das Paris-Konzert (gleiche Tournee) auf allaboutjazz das folgende geschrieben:

What was the show missing, then? Quite simply, musicianship. Surprising, given the above praise for Bona's bass playing (without even mentioning his immensely creative vocal stylings), but certainly that was the case on this night. Some of the fault was in the song selection. Tunes like "M'Bemba Mama," a beautifully understated ballad in the studio with superb guitar playing from Sylvain Luc, and "Shiva Mantra," dominated in the studio by Indian musicians, did not adapt well to a live environment. At other times, the arrangements did not allow for much improvisation and thus sounded somewhat stale.

Kann man so stehen lassen. Und trotzdem dieses sehr ausführliche Interview im Bass Musician Magazine lesen.