Mittwoch, 18. November 2009

Enjoy Jazz 2009 - mein Resumé

Ein persönliches und parteiisches Resumé, geschmäcklerisch und völlig unmaßgeblich

· Bestes Konzert: Overtone Quartet, Anouar Brahem, MGT, Terence Blanchard, Ensemble Denada
· Vermißtester Künstler: Sylvain Luc
· Enttäuschend: Tord Gustavsen Ensemble, Jan Garbarek
· Tiefste Suche: Wayne Shorter
· Schönste Erinnerungen: Egberto Gismonti, Ralph Towner
· Neue Klänge: Bang/Honoré (zweiter Remix beim PUNKT), Erik Truffaz
· Beste CDs: Choices (Terence Blanchard Quartet), Lost On The Way (Louis Sclavis)
· Verpasstestes Konzert: Brad Mehldau
· Nervig: Trilok Gurtu
· Bester Sound: Ryuichi Sakamoto
· Schlagzeug: Eric Harland, Kendrick Scott
· Pianist: Joe Gilman (Bobby Hutcherson Quartet)
· Trompete: Terence Blanchard
· Sax: Chris Potter
· Bass: Dave Holland
· Gesang: Cyminology
· Gitarre: Wolfgang Muthspiel

The Medium Jazz Is The Message

In den einschlägigen Ratgebern für angehende Drehbuchautoren oder Kursen für kreatives Schreiben ist gern von »Tiefe« die Rede, jener Qualität, die sich, so wird gehofft, einstellen möge, wenn man die »letzten Fragen« - Leben und Tod, große ethische Dilemmata, Geschichte, Revolution - in sein Erzähltes einfließen läßt.

Ironischerweise sind es aber in den wirklich großen Werken oft gebrochene oder gefledderte Versionen dieser Themen, in denen die »Größe« aufscheint. Wie Salman Rushdie (»Mitternachtskinder«) in seiner eigenen Version des Magischen Realismus die Geschichte Indiens als mißlungene Kommunikation zwischen Hoch- oder Andersbegabten erzählt; wie Milan Kundera den Prager Frühling als Folie eines Psychogramms eines »Puer Aeternus« benutzt, der das Leben in der Möglichkeitsform dem gelebten Leben vorzieht; wie in so vielen Erzählungen und Theaterstücken die Abwesenheit der Geschichte, das Indirekte gefeiert wird - all das hat Größe.

Wenn die großen Themen zu direkt angesprochen werden (wer hätte nicht als Teenager gern mal einen Roman über den Selbstmord des besten Freundes geschrieben), gerät all das gern zum Kitsch.

Was all das mit Enjoy Jazz zu tun hat? Bei Ryuichi Sakamoto ist es mir zum ersten Mal aufgefallen: In seinen in Zen-Ästhetik gehaltenen Visualisierungen waren Botschaften zum Klimawandel untergebracht. Nichts Besonderes, eben die allgemeine Gesinnungs- und Besinnungsrhetorik, die man ebensogut dem Dalai Lama wie Angela Merkel zuschreiben könnte.

Dann stand plötzlich während seines Konzerts Dino Saluzzi auf und erzählte Weihnachtliches über die Menschen da draußen, die unser Mitgefühl brauchen. Richard Bona machte eine Pause, gab den Kapitalismuskritiker und empfahl dem Publikum, sich nicht gegen die Schweinegrippe impfen zu lassen.

Nein, ich bin kein Anhänger von L'art pour l'art, im Gegenteil. Musik soll man ruhig »benutzen«, zum Tanzen, Schwelgen, Kücheputzen. Als Botschaft, wenn man die »richtige« CD verschenkt. Ich bin sogar Richard Bonas Meinung, was die Schweinegrippe angeht. Aber was ist mit unseren Musikern los, daß sie selbst ihrer Musik als Botschaft nicht genug vertrauen (oder dem Publikum als selberdenkendem), um es mit Rhythmus, Spannung, gefühlvoller Melodieführung gut sein zu lassen?

Einzig bei Terence Blanchard, der Gedankenschnipsel aus einem Gespräch mit Cornel West aus dem Sampler abspielen ließ, konnte ich mich damit anfreunden. Vielleicht weil hier die Reflektion halbwegs auf dem Niveau der Musik war und als solche neben ihr bestehen konnte, statt durchsichtigerweise für deren »Tiefe« zuständig zu sein. Wenn West das Ringen der Jazz-Größen um ihre eigene »Stimme« beschreibt und apodiktisch feststellt: »All imitation is suicide«, dann ist das genauso wahr oder falsch wie ein Trompetenstoß, der alles vorher Gespielte in den Schatten stellt und dennoch ohne es nicht hätte gespielt werden können.

Oder man macht es gleich wie Wayne Shorter, der zwar Mahayana-Buddhist ist - also von der weltzugewandten Sorte -, aber in seiner Musik sogar auf die innermusikalischen »Messages« verzichtet, keine Themen oder Chorusse, nicht mal halbwegs durchgängige Linien spielt, sondern den ganzen Abend die spannende, weil vom Scheitern bedrohte Suche nach dem ultimativen Ton zelebriert.

Dienstag, 17. November 2009

Südliche Saiten

Seht, so sehr sehnt sich seine Seele: nach Saiten, Süden, Sonne, Sylvain. Da wäre zunächst mal das Trio Sud. Dann die Kooperation mit Louis Winsberg. Bireli Lagrene. Auch mit Richard Bona hat Sylvain Luc schon gespielt. Hört ihn euch an, Mannheim wird ihn lieben!

Ist auch irgendwie lustiger als, nun ja, etwas ausgebuffte (im positiven wie negativen Wortsinn) Show von Bona mit seinem Sextett. Bildqualität wird entschuldigt, musikalisch ist das schwer zu toppen, was Sylvain Luc hier zaubert:



Mehr Süden? Winsberg hat ein schönes Flamenco/Maghreb-Projekt, Flamenco spielt auch Vicente Amigo ganz ausgezeichnet (hier viel zu wenig bekannt, dass es Flamenco-Kunst nach De Lucia gibt, und was für eine!), oder der Bassist Carles Benavent. Hmmm, da gibt es was zu entdecken. Schön ist z.B. seine CD »Sumando« zusammen mit Josemi Carmona. Hier ein Solo von einem Bassfestival in Madrid. Benavent spielt den Bass mit einem Plektrum, das er bravourös handhabt, ohne der »Technelei« anheimzufallen.



Südliche Saiten: Bebo Ferra aus Mailand, Renaud Garcia-Fons, Carlos Bica aus Portugal (ebenfalls ein Bassist und Komponist), Gitarrist André Fernandes aus Lissabon (regelmäßiger Partner von Lee Konitz, landete mit Cubo einen Kritikererfolg), und so weiter, es gibt noch mehr hörenswertes aus der Gegend.

Ach ja, so sehr nach südlichen Saiten sehnt er sich...

Nachlese zu Wayne Shorter

Wayne Shorter spielte auch in Hamburg, und auch dort hinterließ er bleibenden Eindruck und Interpretationsbedarf:
»Im Quartett mit Danilo Perez (Klavier), John Patitucci (Bass) und Brian Blade (Schlagzeug) entwickelt Shorter eine von allen Klischees gereinigte Konzertmusik. In der Laeiszhalle war am Montag diese von einer ungeheuren Dynamik angetriebene Kunst zu bewundern, die ungefähr so klang, als hätte Erik Satie den Free Jazz für sich entdeckt.« (»Denkt bloß nicht, dass wir Jazz spielen« im Hamburger Abendblatt)

In der WELT nähert sich eine Edelfeder mit ähnlicher Absicht dem gleichen Konzert:
»All das, was man unter dem Etikett Jazz zu hören gewohnt ist: die quecksilbrige Virtuosität angelernter Phrasen, virtuose Fingerübungen und Plänkeleien, mit schmeichelndem Vibrato gehauchte Balladen und muskelstrotzende Up-Tempo-Nummern - Nebbich, Tand. Shorter sucht. Shorter sucht den Ton, die Formulierung, die alles verändert und in sich beinhaltet, was er zu sagen hat. Nicht immer wird er sofort fündig, dann schweigt er eben und sucht weiter, während Perez mit explosivem Anschlag sein Klavier spielt und Bade im dichten Zusammenspiel mit Patitucci einen Groove auf die Reise schickt, der brennt, als ginge es darum, die Halle in Brand zu setzen.« (Stefan Hentz, »Wayne Shorter badet im Meer musikalischer Möglichkeiten«)

Samstag, 14. November 2009

Vorfreude auf Tony Allen

Der Afrobeat-»Miterfinder« und langjährige Fela-Kuti-Weggefährte, der Schlagzeuger Tony Allen, kommt nach Mannheim in die Feuerwache. Keine Zeit also für umständliche Post-Enjoy-Jazz-Depressionen. Zumal dieses (aktuelle) Video ein heißes Konzert verspricht:

Mittwoch, 11. November 2009

Wayne Shorter

Zu Beginn schien die Musik nicht richtig in Fluß zu kommen. Alles hatte etwas Tastendes, man konnte den Eindruck gewinnen, die vier wüßten nicht, was sie sagen wollten. Wayne Shorter nahm zwischendurch das Sopransaxophon, spielte zwei Töne, stellte das Instrument wieder weg. Ab und zu blies er Teile eines Themas, als wäre es ein Cue, aber es gab keinen Übergang zu einem neuen Stück. Und dann wieder schwangen sie sich zu dichten Momenten auf, wahren Ausbrüchen von Energie und Musikalität.

Arbeitshypothese: Die Musiker des Wayne Shorter Quartet sind gnadenlos ehrlich und musizieren in der Tradition des elektrischen Miles Davis: geprobt wird auf der Bühne. Arrangements werden nicht gespielt, sondern im Konzert entwickelt. Und nur durch diese Ehrlichkeit kann es die extreme Schönheit und Dichte dieser speziellen Momente geben.

Georg Spindler hat dem Auftritt in im Mannheimer Morgen eine nachdenkliche Kritik gewidmet: »Willkommen in Waynes wundersamer Welt«. Zitat: »Statt seine charakteristischen, abenteuerlich verwinkelten Improvisationen zu entfesseln, funkt Shorter zu oft lediglich morsezeichenartige Tonfolgen oder Paraphrasen von der Bühne.« Ich stimme zu.

Hans-Jürgen Linke sieht es positiver: »Eine beneidenswerte Lässigkeit ist im Raum, dazu eine auf der Bühne intensiv ausgelebte und mit dem Publikum zunehmend geteilte Spielfreude. Man hat weniger den Eindruck, einem avancierten Musikstil zu begegnen als vielmehr einer bemerkenswerten und ein bisschen utopischen Lebensweise. Dazu passt auch die Abwesenheit von allem Stehengebliebenen, allem Altbackenen. Es ist eine ungemein moderne, hoch individualisierte, eigenartig formlose, dabei ganz und gar präzise Musik, die voller Erinnerungen an alles Mögliche steckt, ohne sentimental zu schwelgen. Es könnte sein, dass die Gäste der Heidelberger Stadthalle einem Konzert beigewohnt haben, das eine ähnlich herausragende Bedeutung hat wie das von Ornette Coleman vor vier Jahren in Ludwigshafen, wo das Album "Sound Grammar" live entstand, für das es später einen Grammy gab.«

Montag, 9. November 2009

Terence Blanchard Quartet

Sehr schönes Konzert. Blanchard präsentierte seine »Jungen«, die Mitmusiker, von denen er sagt, sie seien diejenigen, die die Musik in die Zukunft tragen würden. Blanchard selbst ist das, was man unter Musikern manchmal ein »Tier« nennt - ein phantastischer Trompeter, der Dampf macht und einen beim Zuhören manchmal an diese Schwelle bringt, wo man sich fragt, ob auf der Bühne noch alles mit rechten Dingen zugeht.



Herausragend war wieder mal ein Schlagzeuger, hier Kendrick Scott, der sich in einem Stück mit dem jungen (kubanischen) Pianisten Fabian Almazan, Jahrgang 1984, in eine musikalische Ekstase hochschaukelte, wie man sie nur selten erlebt.

Über die aktuelle CD Choices gibt es hier ein bisschen Hintergrund zu Terence Blanchard, dem »politischen« Trompeter, sowie zu Cornel West, der gleichsam den intellektuellen Hintergrund ausleuchtet. Seine Statements waren im O-Ton auf dem Konzert zu hören und durchziehen auch die CD. Ich will hier nicht in die Details gehen, aber »Choices« ist sicher mindestens zum Teil auch politisch gemeint.

To express his ideas more eloquently, Blanchard enlisted Cornel West of Princeton to add pithy verbal snippets to the album. The title track affords West the opportunity to proffer some of his poetic musings on art and life.

West's impassioned words sometimes get lost in the mix, but his churchy cadences do fit the music hand in glove. Blanchard responds to the call with a round, burnished tone that recalls the intimacy and gravitas of Miles Davis while maintaining a voice all his own.

Zu guter Letzt: Choices ist eine großartige CD!! Auf ihr hört man auch Lionel Lueke, der letztes Jahr bei Herbie Hancock dabei war, aber leider nicht dieses Mal bei Terence Blanchard.

Sonntag, 8. November 2009

Muthspiel Grigoryan Towner

Die CD rotiert bei mir schon länger, daher war ich einfach dankbar, dieses Weltklasse-Gitarrentrio live erleben zu dürfen. Für meine Ohren war es einer der schönsten Abende des Festivals.

Einen Eindruck vermittelt dieses Video von ihrer australischen Tournee 2005:



Aktuelle CD: From a Dream

Tord Gustavsen Ensemble

Hm.. nö. Mochte ich nicht. Das Saxofon gibt dem ganzen eine salbungsvolle Note, die der Musik überhaupt nicht gut tut. Sehr garbaresk. Hab mich etwas gelangweilt und dachte an einen Auftritt vor drei Jahren im Heidelberger Karlstorbahnhof zurück, bei dem alles stimmte...

Freitag, 6. November 2009

Post-Enjoy-Jazz-Depression?

Es war während der Ansage zum Konzert von Bobby Hutcherson in der Feuerwache, als Festivalleiter Rainer Kern die Katze aus dem Sack ließ: »Wir haben jetzt noch eine gute Woche Enjoy Jazz, zehn Tage und zwölf Konzerte. Schauen Sie sich alles an, Sie werden nachher ohnehin in ein Loch fallen.«

Woher weiß der das? Ging mir letztes Jahr so. Wird mir auch dieses Jahr wieder so gehen.

Immerhin spielt Tony Allen zwei Wochen später in der Feuerwache. Das Loch könnte also überschaubare Dimensionen behalten...

Morgen ist John-Scofield-Tag!

Nein, Sco tritt nicht morgen bei Enjoy Jazz auf, aber: Am 7. November 2009 jährt sich zum 32. Mal die Aufnahme von John Scofields erster Platte für ein Major Label (enja): John Scofield Live. Die hab ich drei, vier Jahre später in die Hände bekommen und mich in »Gray and Visceral« verliebt. Elendes Quintengeschiebe! ;-)

Branford Marsalis

Schönes Konzert, aber ich werde den Eindruck nicht los, dass Branford Marsalis vielleicht der am meisten überbewertete Künstler des Festivals ist, jedenfalls was den Publikumszuspruch angeht. Die Feuerwache war gestopft voll bis auf den letzten Platz, und die ganze Neckarstadt schien von Festivalbesuchern vollgeparkt worden zu sein! Ist es der Name oder besser die »Institution« Marsalis, die diesen Effekt zeitigt?

Die Band spielte einen bunten Reigen von Gospel bis Free, immer kommunikativ (manchmal wurde auf der Bühne während des Stücks geplaudert), oft überraschend, ein Spiel mit erfüllten und enttäuschten Erwartungen - eben Zeit-Kunst, die sich im Ablauf ereignet. Auch zum Zuschauen amüsant: Gegen Ende einer Ballade fand Marsalis nach längerem Mäandern einen Schlußton, den Joey Calderazzo am Piano aber nicht aufnahm, der wollte offenbar woanders hin - und Branford machte einen Schritt zum Flügel und blies dem Pianisten den »richtigen« Ton zu Bestätigung nochmal ins Gesicht: »So mein ich das!« Herrlich!

Es war aber, und darum bleib ich bei meiner eingangs getroffenen Einschätzung, kein Moment dabei, wo einem wirklich das Herz hüpfte oder vor Staunen der Mund offen blieb - wie zwei Tage zuvor bei Joe Gilmans Klaviersolo über »A Love Supreme« oder Eric Harlands Schlagzeugsolo am Montag in LU. So jedenfalls erging es mir. Anderlautende Kommentare sind selbstverständlich willkommen (wenn überhaupt mal jemand hier einen Kommentar hinterlassen würde, wäre ich froh! Aber wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein).

Hier noch ein Interview in der ZEIT, das für einen Mann, der so viel in Bewegung setzt, relativ resigniert klingt.

Aktuelle CD: Metamorphosen

Donnerstag, 5. November 2009

Erik Truffaz, Talvin Singh, Murcof

Der Karlstorbahnhof war rappelvoll (unbestuhlt), als die drei ihr Konzert anfingen. Der sympathische Mexikaner, der am »Schreibtisch« hinter seinem Laptop saß, entpuppte sich als »Murcof«, Truffaz war nicht zu verkennen, und der Inder mit den abstehenden Haaren an den Tablas, das musste dann wohl Talvin Singh sein (von dem ich auch eine CD mein eigen nenne, »OK« von 1998).




Murcof lieferte angenehm abstrakte Grundlagen, Flächen oder deutliche Beats, aber weit abseits der üblichen Loop-Ästhetik. Streckenweise hatte man das Gefühl, dass er »Nebengeräusche« (Rauschen, Zirpen, Fiepen) rhythmisierte. Singh setzte seine Tabla-Grooves oder Einsprengsel daneben, und Truffaz legte seine Linien darüber, stark verfremdet, mitunter gedoppelt, sowohl Molvaer als auch Arve Henriksen konnten einem als Bezugspunkte einfallen.

Nachdem das Konzert eine Weile eher etwas zurückhaltend verlief, kamen die drei in der zweiten Hälfte richtig auf Touren. Truffaz bat Murcof, wie es schien, um eine »Pause« für eine Solo-Exkursion, die es dann auch in sich hatte, es entstand ein aufgeschichtetes »Electronica-Trompete«-Gebilde, das schließlich laut rumpelnd in sich zusammenfiel. Singh kommtierte ins Mikro: »He loves chaos.« Auch Truffaz machte eine sympathische Ansage und verwies auf seine musikalische Sozialisiation mit Tangerine Dream und Kraftwerk. Zum Publikum gewandt meinte er: »This music that we play here is part of your culture.« Solcherart Spätfolgen der 70er kann man sich eigentlich gar nicht genug wünschen!

Aktuelle CD: Rendez-Vous

Mittwoch, 4. November 2009

Bobby Hutcherson

Dieses Konzert hab ich einem Freund zum Geburtstag geschenkt. Ich war zu Beginn etwas nervös, weil die Musik recht traditionell und ohne rechte Biß daherkam.

Doch die Band steigerte sich ab dem dritten Stück merklich. Hutcherson an seinem Vibraphon, eine Mischung aus Elder Statesman und Entertainer, hat hörbar Freude am Spielen und am Spiel seiner Begleiter. Höhepunkt des Konzerts war eine Art Coltrane-Medley, bei dem insbesondere der Pianist Joe Gilman glänzte, ach was, erstrahlte! Gilman ist ganz sicher nicht einer der modernsten Pianisten, aber seit diesem Tag denke ich: einer der spannendsten.

Schade, dass Hutcherson erstens nur einen einzigen Akkord mit vier Schlegeln spielte und zweitens keine zweite Zugabe spielte, trotz lang anhaltenden Applauses.

Was mich bei älteren Musikern öfter interessiert: Warum spielen sie heute die Musik, die sie spielen? Nicht jeder treibt ja alles immer so bedingungslos voran wie Miles Davis das tat. Hutcherson zum Beispiel war Vibraphonist auf Eric Dolphys bahnbrechender Veröffentlichung »Out To Lunch« von 1964 (die eher mit Free Jazz oder zumindest abstrakten Strukturen liebäugelte), zehn Jahre später veröffentlichte er unter eigenem Jahren das Album »Cirrus«, eine zeitgemäß hippieske Fusion-Einspielung... und heute erzählt er uns die bzw. seine Jazz-Geschichte wie eine kanonisierte Variante zwischen MJQ und Coltrane. Fusion, Funk oder die harmonischen Freiheiten Dolphys fehlen.

Manchmal sagt ja auch ein Bild mehr als tausend Töne:



Und heute:



Aktuelle CD: For Sentimental Reasons

Dienstag, 3. November 2009

Overtone Quartett

Die Besetzung versprach einen spannenden Abend im »Haus« in Ludwigshafen:

Dave Holland : b
Eric Harland : dr
Chris Potter : sax
Jason Moran : p

Dave Holland ist einer meiner absoluten Favoriten. Zum ersten Mal hab ich ihn vor 15 Jahren als Teil des »World Trio« mit Mino Cinelu und Kevin Eubanks gesehen (auf dem Post-This-Neo-That-Festival 1994 in Köln) und bin seither angetan von seinem Groove, seinen kompositorischen Fähigkeiten, seinem ganzen Habitus. Und nicht zuletzt von seiner Fähigkeit, mit einer zwingenden musikalischen Logik absolute Spitzenbands zu besetzen.

Daher war es ein »Must«, das Overtone Quartett anzusehen. Von Jason Moran hab ich auch das eine oder andere gehört, er ist interessant, aber für meinen Geschmack kingt er immer etwas »düster«. Chris Potter, klar, bekannt aus Hollands Quintett, ein ebenso kraftvoller wie eloquenter Spieler. Eric Harland war der große Unbekannte für mich - und er war auch die »Entdeckung des Abends«.

Das Konzert begann auf einem hohen Energielevel, und dort blieb es dann auch. Die vier spielen einen sehr »heutigen« Jazz irgendwo zwischen verschraubt und bauchig, alles setzt schon auf einem hohen Abstraktionsniveau an, aber Timing, Energie und Spielfreude lassen nie den Eindruck aufkommen, man habe es mit »Kopfmusik« zu tun. Eric Harland hat ein interessantes Konzept - sein Spiel klingt seltsam unrund, immer wieder überrschend, kaum geschieht einmal zwei Takte dasselbe. Und doch landet er immer wieder auf dem Punkt, treibt das Quartett voran, zieht und schiebt und was dergleichen Metaphern mehr sind. Seine Soloeinlage war eine einzige Explosion, Vergleiche fallen mir dazu keine ein.

Keine ganz leichte Kost, dieses Obertöne-Quartett, aber wer sich reinhört und die Grundtöne (der Tradition) selber beisteuert, wird reich belohnt. Satt.

Wie ichs rausgefunden habe, weiss ich selber nicht mehr so genau, aber es verhält sich so: Zum Overtone Quartet gibt es eine frühere Ausgabe namens Monterey Quartet (mit Gonzalo Rubalcaba statt Jason Moran am Piano, übrige Besetzung wie heute), und die haben ihren Auftritt in Monterey aufgenommen und veröffentlicht. Wahnsinns-Platte, für meine Ohren mit einem Klassiker wie »Extensions« ebenbürtig: Live at the Monterey Jazz Festival 2007.

Montag, 2. November 2009

Richard Bona

Einerseits ein schönes Konzert, aber etwas - nun ja - glatt? Dank youtube wissen wir, dass die musikalischen und außermusikalischen Späßchen des Abends zum einstudierten Programm gehören. Bonas eigentliches Genie als Improviator blitzt nur gelegentlich auf.

Ein gewisser David Miller hat über das Paris-Konzert (gleiche Tournee) auf allaboutjazz das folgende geschrieben:

What was the show missing, then? Quite simply, musicianship. Surprising, given the above praise for Bona's bass playing (without even mentioning his immensely creative vocal stylings), but certainly that was the case on this night. Some of the fault was in the song selection. Tunes like "M'Bemba Mama," a beautifully understated ballad in the studio with superb guitar playing from Sylvain Luc, and "Shiva Mantra," dominated in the studio by Indian musicians, did not adapt well to a live environment. At other times, the arrangements did not allow for much improvisation and thus sounded somewhat stale.

Kann man so stehen lassen. Und trotzdem dieses sehr ausführliche Interview im Bass Musician Magazine lesen.

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Kind Of Blue @ 50

Ein gediegenes Jazzkonzert (mit überwiegend ebensolchem Publikum) im Feierabendhaus der BASF. Jimmy Cobb, der letzte noch lebende Musiker, der auf »Kind of Blue« mit von der Partie war, hat eine Band zusammengestellt, um den fünfzigsten Jahrestag des Albums zu zelebrieren. Hier die Besetzung:

Jimmy Cobb : dr
Wallace Roney : tp
Javon Jackson : ts
Vincent Herring : as
Larry Willis : p
Buster Williams : b

Ich hatte mir eine »assoziative« Herangehensweise vorgestellt, aber die Band spielte das Album von Anfang bis Ende durch, ergänzt durch »Seven Steps To Heaven« und als Zugabe »Green Dolphin Street«. Was ich ein wenig schade fand, weil man dadurch geradezu gezwungen war, praktisch Note für Note und Mann für Mann zu vergleichen. Und zumindest bei »So What« und »All Blues« stellte sich bei mir leichte Enttäuschung ein.

Ganz traditionell wurde das Thema vorgestellt, und dann spielten die Musiker reihum ihre Solos. Zuweilen etwas ermüdend. Vincent Herring gefiel mir am besten, seine Linien waren gut durchdacht und zupackend bis enthusiastisch dargeboten. Wallace Roney gab sich schon optisch (Sonnenbrille!) Mühe, Miles Davis »darzustellen«, aber seine Art zu solieren nervte stellenweise geradezu. Was beim ersten Stück noch als gewollte »Brechung« wahrgenommen werden konnte, die Auflösung der Linien in ein chromatisches Auf und Ab, sozusagen als Modernisierung der modalen Spielweise, entpuppte sich später als durchgängige Marotte.

Insgesamt ein lohnender Abend mit »Aura«, der aber konzeptionell etwas flach ausfiel. Alles, was Miles machte, hatte Folgen. Und die kann man nicht um des Jubiläums willen für ein paar Dutzend Chorusse einfach ausblenden.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Brad Mehldau

Muss ein irres Konzert gewesen sein. Konnte leider nicht da sein.


Quelle: Facebook

Dienstag, 27. Oktober 2009

Die ZEIT...

... hat einen Artikel zum 40-jährigen ECM-Jubiläum.

Interessant: der Artikel aus dem Jahre 1994 zum 25-jährigen in der selben Publikation ist irgendwie substanzieller.

Montag, 26. Oktober 2009

Anouar Brahem



[Ich finde dieses Bild passt farblich genial zu diesem Weblog. ;-)]

Voll wars in der Aula der Uni Mannheim am Sonntag nachmittag. Und ein wunderbares Konzert. Brahem spielte die Oud sehr beseelt, gewissermaßen »mit verhaltenem Feuer unterm Arsch«. Das Publikum war begeistert und quittierte den Auftritt mit herzlichem Applaus.

Ungewöhnlich die Besetzung: Darbouka (Khaled Yssine), Bass (Björn Meyer), Oud (Brahem), Bassklarinette (Klaus Gesing). Es entstand eine sanft, aber nachhaltig groovende Musik mit hypnotischen Qualitäten. Auch dies ein gelungener interkultureller Brückenschlag: die beiden Europäer fügten sich nahtlos ins sparsame Konzept und fühlten sich im harmonischen und rhythmischen Universum des Tunesiers sicht- und hörbar wohl.

(Nur falls jemand nicht weiß, was eine Darbouka ist. Könnte ja sein.)

In der gleichen Besetzung ist auch die aktuelle CD von Anouar Brahem aufgenommen, »The Astounding Eyes Of Rita«, benannt nach einem Gedicht des palästinensischen Dichters Mahmoud Darwish, der letztes Jahr verstarb:

Between Rita and my eyes
There is a rifle
And whoever knows Rita
Kneels and plays
To the divinity in those honey-colored eyes
And I kissed Rita
When she was young
And I remember how she approached
And how my arm covered the loveliest of braids
And I remember Rita
The way a sparrow remembers its stream
Ah, Rita
Between us there are a million sparrows and images
And many a rendezvous
Fired at by a rifle

Rita's name was a feast in my mouth
Rita's body was a wedding in my blood
And I was lost in Rita for two years
And for two years she slept on my arm
And we made promises
Over the most beautiful of cups
And we burned in the wine of our lips
And we were born again

Ah, Rita!
What before this rifle could have turned my eyes from yours
Except a nap or two or honey-colored clouds?
Once upon a time
Oh, the silence of dusk
In the morning my moon migrated to a far place
Towards those honey-colored eyes
And the city swept away all the singers
And Rita

Between Rita and my eyes—
A rifle

Sonntag, 25. Oktober 2009

Vorfreude auf Wolfgang Muthspiel

Seit ich gestern Ralph Towner gesehen habe, freu ich mich um so mehr auf MGT.

Neugierig bin ich insbesondere auf Wolfgang Muthspiel. Hier ein Video von seinem »Friendly Travellers«-Duoprojekt mit Brian Blade. (Blade spielt auch auf Enjoy Jazz, aber im Wayne Shorter Quartett, nicht mit Muthspiel. Es wäre ein lustiges Unterfangen, mal zu schauen, wie viele solcher »hidden cooperations« im Enjoy-Jazz-Programm eines Jahres enthalten sind.)

Auffallend ist die Gitarre des Österreichers, die er im ersten Teil spielt. Sie gilt als eine der besten Nyonstring-Gitarren mit Tonabnehmersystem (und MIDI-Ansteuerung), die es gibt. Details dazu hier, die Hersteller-Homepage des Gitarrenbauers Frank Krocker: Frameworks Guitars. Falls jemand knapp 3000 Euros übrig hat - her damit! :-)

Hier nun endlich das Video. Mr. Blade hat sichtlich Spaß an der Sache:












Ok, ich würde auch eine Godin Multiac Nylon SA nehmen. Falls also jemand kanpp 1500 Euros übrig hat - her damit! :-))

Samstag, 24. Oktober 2009

Louis Sclavis Quintett

Auf den Mann war ich gespannt. Es geht im voraus ein Ruf wie Donnerhall. Was wird nicht alles mit ihm in Zusammenhang gebracht: die Klarinette, der französische Jazz überhaupt, die »folklore imaginaire«, musikalische Entdeckungsreisen in großem Radius rund ums Mittelmeer... vorgestellt wurde er bewußt unbescheiden als »bester Klarinettist der Welt«.

Ich kenne mich mit Rock-Stilistiken nicht wirklich aus, aber das muss etwas mit Grunge zu tun haben, was die Rhythmusgruppe da ablieferte (Bass, Schlagzeug, Gitarre); neben Sclavis war offenbar nur Matthieu Metzger (Sopran- und Altsaxofon) ein reiner »Jazzer«. Der Abend lief im Wesentlichen so ab, dass Sclavis und Metzger wunderbare Themen auf die Riffs flochten, die die Rhythmiker ablieferten. Der Mix war stimmig und ausgesprochen intensiv, und man hatte nie das Gefühl, dass es darum ging, wer wen bereichert oder erfrischt - es war einfach heutiger »Jazz-Rock«, nur etwas, nun ja, wurzelbewußter auf beiden Seiten des Bindestrichs, als das beim EST, in Christian Scotts Band oder bei manch anderem Projekt der Fall sein mag.

Ich dachte, vielleicht besingen sie ja das heutige Frankreich, das asynchrone, in dem Ländliches und urbane Hochkultur nebeneinander existieren - und dazwischen die Banlieus.

Die CD ist fantastisch! - Lost on the Way

Dino Saluzzi und Anja Lechner

Wieder ein Konzert im Rittersaal, erwartungsgemäß sehr voll. Dino Saluzzi und Anja Lechner »dekomponieren« den Tango und machen eine Art Kammerjazz daraus - nur dass die Standards nicht aus amerikanischen Musicals, sondern ganz offensichtlich aus Argentienien stammen. Was so entsteht, ist eine ebenso wohlklingende wie tiefsinnige musikalische Philosophie des Zusammenhangs zwischen Europa und Amerika, zwischen Tonsatz und Improvisation, zwischen innermusikalischer Gesetzmäßigkeit und den Freiheiten des Gefühls, das diese Musik immer durchdringt. Alles andere als leichte Kost, aber ein sehr schöner Abend.


Bild: Antonios Malamos (Original in Facebook)

Aktuelle CD: Ojos Negros

Ralph Towner und Paolo Fresu

Besprechung folgt

Aktuelle CD: Chiaroscuro

Egberto Gismonti / Alexandre Gismonti

Spät war ich dran, die A5 und die A6 beide verstopft, und bekam nur noch einen Platz ganz hinten. Wo ich dann an einer Säule stand und entspannt mitwippen konnte.

Egberto Gismonti und sein Sohn spielten sehr schön, und ich fragte mich mal wieder, was das denn eigentlich für ein Stil ist - moderne brasilianische klassische Gitarre? Kunstvoll überhöhte brasilianische Folklore? Dekonstruierter Dschungel-Samba? Irgendwann lauschte ich dann einfach nur noch und freute mich, Gismonti Stücke von »Danca das Cabecas« spielen zu sehen - ich hatte mich vor dreißig Jahren so sehr mit dem Gedanken vertraut gemacht, diese Musik selber nicht spielen zu können, dass ich es schon beinahe irgendwie verwegen fand, wie Gismonti selbst die Sachen einfach spielte. Und sein Sohn noch dazu.

Es war still geworden um Egberto Gismonti, jedenfalls in meiner Ecke des Hör-Universums, und man merkt ihm heute einen gewissen Hang zur Kanonisierung des Geschaffenen an. An mehr als einer Stelle auf der neuen Veröffentlichung lugen Motive aus den 70ern hervor. Und was damals - z.B. in der Zusammenarbeit mit Nana Vasconcelos - neu und spannend war, klingt jetzt vertraut und einfach nach Gismonti. So ändern sich die Zeiten.

Aktuelle CD: Saudações

Donnerstag, 22. Oktober 2009

John Abercrombie Quartet

Ich konnte nicht da sein. Grrrmmpf.

Wie wars denn? Kommentare willkommn.

Helge Sunde Ensemble Denada

Was für ein Konzert. Bei den ersten Tönen pflanzte sich ein Grinsen auf mein Gesicht - und ging nicht mehr weg. Gut 70 Minuten später war alles gesagt. Was für eine Band!

Tja, wie soll man das beschreiben? Nach einem stimmungsvollen Vocoder-Intro legte die 15-köpfige Big Band mit einem vertrackten Funk-Stück namens »Obstler« los. Vertrackt war nicht nur die Rhythmik, sondern auch die Stimmführung - die Melodie wurde zwischen den Bläsergruppen hin- und hergereicht, und das in einer Art und Weise, die Spielfreude und Präzision aufs Schönste miteinander verband. Ein Ohrenweide für mich, der von den Schwächen der Rhythmuskonzeption der Jan Garbarek Group vom Vorabend noch reichlich genervt war.

Weiter gings mit einer italienischen Suite, die sozusagen programmmusikalische Elemente durchscheinen ließ. Beim Titelstück der anstehenden CD-Veröffentlichung »Finding Nymo« weckte das Intro zwischen den Nymo-Brüdern (Tenor- vs. Sopransaxophon) Erinnerungen an Arthur Blythe und David Murray in Jack DeJohnettes »Special Edition« zu Beginn der 80er... Zu guter letzt spielten sie eine Ballade als Zugabe - zum Heulen schöne Bläsersätze. Das können sie also auch.

Um es kurz zu machen: Helge Sunde Ensemble Denada klingt wie eine Kreuzung aus dem Maria Schneider Jazz Orchestra und Colemans M-Base-Ansatz, gewürzt mit einem kräftigen Schuß skandinavischen Humors. Wer sich die CD kauft: Bitte wenigstens beim ersten Mal laut hören.

Kleiner Eindruck gefällig? Bitte schön:



Aktuelle CD: Finding Nymo

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Noten und Neuronen

»Noten und Neuronen« ist ein sehr sehenswerter Film über neuere Forschungen zu den Grundlagen der Musik im menschlichen Gehirn. Er wurde bei Arte gesendet und wird demnächst wiederholt.

Leitmotiv ist ein Dialog am Klavier zwischen Bobby McFerrin und einem der Neurowissenschaftler (Namen leider vergessen). In den einzelnen Features geht es um Fragen wie:

  • Warum ist Musik überhaupt entstanden?

  • Was ist der »Vorteil« von Musik in der Evolution?

  • Warum entsteht bei mancher Musik Gänsehaut?

  • Sind Attribute von Musikstücken wie »traurig« oder »fröhlich« kulturell erworben oder gibt es da Universalien?

  • Sind beim gemeinsamen Musizieren andere Gehirnareale aktiv als wenn man allein spielt? (Antwort: Zusätzliche!)

  • etc.


Wo es neurologisch wird, sind die Sachverhalte an einer halb durchsichtigen Hirnvisualisierung dargestellt, und es ist eindrucksvoll zu sehen, wie viele Bereiche beim Hören und insbesondere beim Spielen aktiv sind.

Man kann also durchaus sagen: »Enjoy Jazz. Von führenden Hirnforschern empfohlen.« :-)

Vorfreude auf PUNKT

Jan Bang und PUNKT zu Gast bei Enjoy Jazz - das »richtige« PUNKT Festival ist gerade zu Ende gegangen, und die jazzThetik hat einen Bericht. Hinweis an mich selbst: Lesen!

Eivind Aarset, einer der wenigen Remixer, die bei der Arbeit die Gitarre auf dem Schoß haben, wird auch in Mannheim mit dabei sein:


Bild: jazzthetik

Dienstag, 20. Oktober 2009

Jan Garbarek

Nach der letztjährigen Veröffentlichung mit der Perkussionistin Marylin Mazur (schöne Platte) war ich insbesondere gespannt auf Trilok Gurtu an der Perkussion. Man muss aber wissen, dass in der gegenwärtigen Jan Garbarek Group (Dresden) eigentlich Manu Katché das Schlagzeug spielt.

Insgesamt war das Konzert leider eine Enttäuschung. Die Band wirkte zu Beginn unsicher, Brüninghaus ließ die Noten keinen Moment aus den Augen, der Bassist wirkte stellenweise von Gurtus rhythmischen Irritationen - nun ja, irritiert. Der Sound war mittelmäßig, sowohl beim bundlosen E-Bass (offenbar mit tiefer H-Saite) als auch beim Percussion Set waren die tiefen Frequenzen außer Kontrolle. Die Synthie-Sounds, die Brüninghaus hier und da verwendete, klangen recht altbacken und abgehangen.

Was mich aber am meisten gestört hat, war Trilok Gurtus Snaredrum. Nicht nur schepperte sie bei Bass- und Keyboard-Solos (weil die Snares nicht weggeklappt wurden), sie war vor allem sehr laut, und Gurtu hat die Angewohnheit, auch bei geraden Rhythmen die 2 und/oder die 4 leicht versetzt zu spielen bzw. zu variieren. Insgesamt war das Resultat, dass die schwelgerischen Melodiebögen und Harmoniefolgen von Garbareks Kompositionen nicht atmen konnten.

Die Achse Brüninghaus-Gurtu funktionierte fast überhaupt nicht, gerade bei den tighten Nummern lief rhythmisch so manches nicht wirklich zusammen. Ärgerlich, wenn man sich als Zuhörer gezwungen fühlt, zu hoffen, dass die Herren auf der Bühne die nächste Eins finden mögen.

Die Sonne ging nur an ein paar Stellen wirklich auf, interessanterweise bei den Solos (Brüninghaus, Gurtu) und zuletzt in einer schönen Interaktion zwischen Gurtu und Garbarek an einer Art Querflöte aus Holz.

Garbarek selbst gefiel sehr - er ist nicht nur unverkennbar, sondern auch einfach sehr gut. Selbst mit den kürzesten Melodiefragmenten erzählt er Geschichten.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Orchestre National De Jazz - Around Robert Wyatt

Den Namen hielt ich zunächst für eine ironische Selbstzuschreibung. Aber Frankreich hat tatsächlich ein »Nationales Jazzorchester«. Was ich auch nicht wußte: der künstlerische Leiter oder die Leiterin des Orchesters wird jeweils für drei Jahre festgelegt und sucht sich dann jeweils sein oder ihr Orchester zusammen. Was im Fall des sympathischen Daniel Yvinec durchaus gelungen zu sein scheint.

Ich könnte mir vorstellen, dass ein »nationales Orchester« auch über entsprechendes Budget, Logistik etc. verfügt. Dieser Film hier ist jedenfalls ausgesprochen professionell gemacht und gibt einen Einblick in das Orchester und sein Projekt »Around Robert Wyatt«:



Einleitend erläuterte Yvinec das Konzept: Ausgehend von Gesangssamples von Robert Wyatt himself, Rokia Traoré, Camille und immer wieder Yael Naim, werden Arrangements von Wyatt-Songs für das Orchester entwickelt. Wie die Stimmen von »Geistern«, so Yvinec, sind die Stimmen auch live zu hören - die Band spielt »dazu«.

Zunächst mal überraschen und gefallen die Klangfarben. Hier hat Arrangeur Vincent Artaud (hoffe mal dass der Link stimmt) Großartiges geleistet. Ich musste manchmal an Gil Evans denken, vor allem sein »Gil Evans Orchestra plays the Music of Jimi Hendrix« - viel »Holz«, rockig-treibende Rhythmen, dramatischer Spannungsaufbau (bei manchen Stücken ging richtiggehend die Sonne auf), Synthesizer, Verzerrer auf dem E-Bass... Im Ergebnis stimmte auch das »Zusammenspiel« mit den Einspielungen von Wyatts brüchiger Stimme aus dem Off.

Aber da ist noch mehr drin! Man hatte manchmal auch das Gefühl, die Band müsse sich von Arrangements und Stimm-Einspielungen erst noch freispielen, bevor der letzte Funke überspringt. Die meist kurzen Solo-Statements sind zudem oft in wenige Takte gepresst. Da sitzt das Korsett der Noten noch etwas zu eng. Die Passagen, in denen ONJ richtig »die Kuh fliegen lassen«, waren zu wenige und meist zu kurz. Aber das Orchester ist noch jung und existiert erst seit 2009 in dieser Formation. Da kann sich noch so manches ereignen.

Die übliche Randbemerkung zum Thema Hypertext. Falls es noch eines Beweises bedurfte, dass alles mit allem zusammenhängt - hier ist er: Frankreich hat also ein »Nationales Jazzorchester«, das geleitet wird von einem gewissen Daniel Yvinec, der als Bassist früher mit Nelson Veras zusammengespielt hat, einem brasilianischen Jazzgitarristen, der einmal (bei youtube kann man das sehen) ein Duo mit einem anderen Gitarristen gespielt hat, dessen Namen ich nicht kenne, der aber dieselbe Gitarre spielt (eine Godin Multiac) wie der sehr verehrte Sylvain Luc, der neulich in Tagolsheim spielte, das ein Teil von Illfurth ist, das bei Mulhouse liegt, welches im Elsaß liegt, das ein Teil Frankreichs ist, welches ein »Nationales Jazzorchester« hat... Als Hausaufgabe notieren wir das Ganze in RDF.

Kurz gesagt: es ist so unglaublich viel gute Musik in der Luft, das Leben ist lang, und es ist genug für alle da.

Freitag, 16. Oktober 2009

Vorfreude auf Wayne Shorter

Am 11.11. ist es so weit: Wayne Shorter wird dann mit seinem langjährigen Quartett in der Stadthalle Heidelberg spielen bzw. spielen.

Die ZEIT brachte kurzlich ein aktuelles Kurzportrait von Shorter und seiner Band unter dem Titel »Botschaften von oben«. Besser vor dem Konzert lesen! :-)

Hier ein Mitschnitt (aus dem Jahre 2003, aber in aktueller Besetzung) des Quartetts. Bemerkenswert, was sie aus »Joy Ryder« machen, eine Nummer, die von einem von Shorters »Post-Weather-Report-Fusion«-Alben stammt.



Ich wollte mir eigentlich heute das »Mäandern im Hypertext« verkneifen, aber es sollte vielleicht trotzdem kurz erwähnt werden, dass Brian Blade, der Schlagzeuger des Quartetts, nicht nur höchst einfühlsam und geradezu spektakulär einfallsreich Jazz spielt, sondern im Moment mit einem eigenen Album unter dem Titel »Mama Rosa« als Singer/Songwriter von sich reden macht! Kein Scherz! Und er hat mit Wolfgang Muthspiel (der mit MGT auch bei Enjoy Jazz auftritt) meines Wissens zwei Duo-Aufnahmen veröffentlicht. Und Danilo Perez... das führt nach Kuba. Also für jetzt zu weit.

Ryuichi Sakamoto

Ryuichi Sakamoto kenne ich schon aus der Zeit, als man noch mit dem Cassettendeck Vinylplatte überspielte. Also schon ziemlich lang. Dementsprechend neugierig war ich, einen geschätzten, wenn auch nicht unbedingt geliebten Künstler von seinem Format einmal live zu erleben. (Wen die »musikphilosophischen« Hintergründe interessieren, der mag in einem aktuellen ZEIT-Interview mit Sakamoto weiterlesen.)

Und so ungefähr hörte sich das dann über weite Strecken an:



Der Abend begann aus einer geradezu feierlichen Stille heraus mit minimalistischen Elektronika, zu denen Sakamoto kleine Klaviereinsprengsel und »präpariertes Piano« zu Gehör brachte - Stücke aus seinem aktuellen Album "Out of Noise". Man fühlte sich auch an seine Zusammenarbeit mit Alva Noto (z.B. Vrioon, 2002) erinnert. Geschmackvolle minimalistische Visuals luden zu eigenen Assoziationen ein.

Der Sound war überraschend gut (ich denke noch mit Grausen an das letztjährige Paul-Weller-Event in der Stadthalle zurück), jedes Knispeln in den synthetischen Flächen, jedes Schaben an den Klaviersaiten war in aller wünschenswerten Klarheit zu hören. Später sah ich den Grund: die ganze Halle war mit nichts als 8 Geithain-Regielautsprechern beschallt - vom Feinsten das Feinste.



Nach etwa einer dreiviertel Stunde wandte sich Sakamoto dann ans Publikum mit der Bemerkung, ab jetzt gebe es keine fertige Setlist mehr, sondern er würde spielen, wozu ihn die Stimmung, das Publikum, die Halle gerade inspirierten.

Unterstützt von Sample-Einspielungen (meistens vorher aufgenommene Piano-Loops) und einem Live-Looper konnte der vielfach dekorierte Fimmusik-Komponist dann aus dem Vollen schöpfen ließ es überwiegend romantisch tönen, ganz im Sinne seiner Veröffentlichung »Playing the Piano«, auf der die Highlights seines Schaffens in Solopiano-Einspielungen versammelt sind (aufgenommen 2004/2005). Das war sympathisch, schön, versöhnlich, aber für meinen Geschmack z.T. etwas zu nahe am Kitsch. Man spürte aber die große Liebe zur Musik und vor allem zur europäischen Tradition. Sakamoto ist ein großer Verehrer von Debussy. (Als ich in einem Kaufhaus in Hiroshima eine ganze Etage mit europäischen Modemarken betrat, meinte mein japanischer Begleiter, der meine Verwunderung wahrnahm: »Die Japaner haben Sehnsucht nach Europa«). Einzige Fremdkomposition war Ennio Morricones Titelmelodie zu Novecento.

Nachdem er sich warmgespielt hatte (sein Kommentar zu unseren Oktober-Temperaturen: »Global Colding?«), konnte Ryuichi Sakamoto kaum noch aufhören. Die erste Zugabe umfaßte vier Stücke, zwei weitere Zugaben folgten, und am Ende hatte das teilweise begeisterte, teilweise letztlich indifferente Publikum ein langes Konzert von satten zwei Stunden erlebt.

Resumee: Die Stadthalle in Heidelberg klingt nicht per se schlecht, und Ryuichi Sakamoto blüht eher in Kooperationen denn als Solo-Pianist.

Dienstag, 13. Oktober 2009

Schon wieder?

Vom Glück verfolgt? Oder wie soll man das nennen? Ich hab schon wieder einen Festivalpass von der JazzThetik gewonnen! Unglaublich! Niemals hätte ich gedacht, dass ich diesen Weblog fortführen würde - aber es bleibt ja fast nichts anderes übrig. :-)






Die Preisfrage lautete übrigens diesmal, wessen Schuhe auf dem Cover des Albums »The Third Man« von Enrico Rava und Stefano Bollani abgebildet waren. Die Platte sei Orson Welles und dem Film Noir gewidmet, stand bei ECM zu lesen. Nachdem ich bei Flickr eine Version des Covers ohne Schuhe ausfindig gemacht hatte, vermutete ich, dass es nicht die Schuhe von Manfred Eicher waren, der seinen Künstlern beim Diskutieren zuhörte... Und da die schwarzen Lackschuhe sozusagen das Markenzeichen von Orson Welles waren, konnte es sich eigentlich nur um ihn handeln. (Vielleicht war das ja ein »produktiver Irrtum« - wenn man genau hinsieht, erkennt man auf dem schuh-losen Cover an Stelle der Schuhe Spuren von Pixelschubserein. Wer weiß.)

Montag, 12. Oktober 2009